Gut überstanden
Zwei Wochen lang nichts Neues? Da muß doch was passiert sein.. Richtig! Ich war auf einer Konferenz in Süd Afrika und habe meine ersten englischen Vortrag vor der Elite der Impakt-Gemeinde vortragen dürfen. Und er war gar nicht schlecht, allerdings wäre er noch besser gewesen, wenn nicht mein Betreuer ihn die Nacht zuvor noch auf die Hälfte zusammengekürzt und komplett umformuliert hätte. Aber wie gesagt, nicht schlecht und ohnmächtig bin ich auch nicht geworden.
29. August 2008, 13:51 von Andreas Jahn Kommentare [2]
Sehr seltsam..
Sie erzählt schon seit Wochen, dass sie unbedingt mal wieder Yoga machen muss. Ich finde das gar nicht albern, denn wenn man den esoterischen Überbau weglässt verbirgt sich dahinter eine ganz brauchbare und heilsame Bewegungsschule. Seit zwei Wochen hatte sie endlich einen Termin, ein alter Bekannter, der Yoga-Lehrer ist, wollte zum Hausbesuch vorbeikommen. Was für eine Vorfreude. Und dann, als die es Zeit wurde, bekam ich die Alternative: mach mit oder geh arbeiten, zuschauen gibts nicht. Ihr wäre es sonst wohl peinlich..
12. August 2008, 12:19 von Andreas Jahn Kommentare [3]
Man lernt fürs Leben
Hier kommt noch eine weitere Ideen-Auskopplung aus dem für den ganz interessanten Inhalt viel zu umständlich im Soziologen/Philosophenjargon geschriebenen Buch von Bernard Stiegler. In einem aufgeblähten Nebensatz versteckte sich eine Sichtweise auf die schon vor geraumer Zeit eingeführte Schulpflicht, welche ich davon inspiriert etwas ausbreiten möchte.
Es war ja so, dass seit je her die eigenen Kinder im Produktionsprozess des Selbsterhalts einer Familie eingespannt wurden. Sobald sie laufen konnten, wurden sie zum Schafe hüten auf die Wiese geschickt, später kamen reguläre Feld und Hausarbeiten dazu oder auch handwerkliche Tätigkeiten, jedenfalls war es überhaupt keine Frage, dass arbeitsfähige Hände mit anzupacken haben. Dieser Lauf der Dinge verschaffte dem Nachwuchs die Befähigung zum selbsterhaltenden Wirtschaften, sowie ein paar soziale Kernkompetenzen und hielt ihn ungewollt recht effektiv von höherer Bildung fern. Nur hierarchisch und arbeitsteilig differenzierte Gesellschaften konnten Personengruppen absondern, die Zeit und Mittel hatten, ihrem Nachwuchs etwas mehr Bildung beizubringen (Adel und Gelehrte). Dabei war beispielsweise den Eliten schon früh klar, dass ein Kind, dem man grundlegende Kenntnisse einbläut später bei gleicher Motivationslage größere Durchsetzungsfähigkeiten besitzt, als eines, dass sich die Zeit mit Rumliegen und Nichtstun vertreibt.
So ging das über Jahrtausende, bis mit der Reformation der Gedanke einer allgemeinen Schulpflicht aufkam, die dann erstmalig im späten 16. und frühen 17.Jh. verwirklicht wurde. Das waren jedoch eher Absichtserklärungen, so dass sie wirklich verbindlich erst mit dem 20.Jh. wurde.
Bis dahin bestand ein ganz klarer Widerspruch: Bildung ist ja schön und gut, aber das Kind wird daheim auf dem Acker gebraucht! Wer soll denn die ganze Arbeit machen, wenn das Balg in der Schule rumlungert?
Das ist dann aber bald in den Hintergrund getreten, hinzu kamen Gesetze zum Kinderschutz bzw. Arbeitsverbote für Kinder und heute erscheint es völlig absurd, dass man 10 Jährige ganztags in die Fabrik schickt.
Worauf will ich nun hinaus? Wenn ich mich heute umschaue, dann ist so gut wie niemandem klar, dass der Besuch der Schule eine staatlich gewollte Befreiung vom Produktionsprozess ist. Die Kinder sehen die Schule nicht als bessere Alternative zum Malochen, sondern als aufoktroyierten Zwang, der ihnen die Freizeit stielt und gehen mäßig begeistert hin, während sich bei den Erwachsenen die Einstellung festgesetzt hat, dass man vor dem 16. Lebensjahr nichts mit Arbeit am Hut hat, dass Arbeit etwas ist, vor dem man Kinder beschützen muss. An den Begriff “Kindheit“ koppeln sich heute Bedeutungen, über die man früher den Kopf geschüttelt hätte. Wer heute seine Kinder abends den Garten machen lässt, gilt ja schon als hartherzig.
Nun kann man sich ja freuen, dass die moderne Gesellschaft nicht mehr auf die Arbeitskraft von Minderjährigen angewiesen ist, man kann das als Fortschritt loben. Dennoch sollte man nicht die Augen vor den Nebenwirkungen schließen. Es gäbe da die offensichtlichen Phänomene, wie Bewegungsmangel, übermäßigen Medienkonsum und Verhaltensauffälligkeiten, die sich mit schierer Langeweile erklären lassen. Weniger offensichtlich aber dafür schwerwiegender ist die fehlende Vorbereitung auf das Arbeitsleben.
Wenn man mit 18 oder 19 aus der Schule kommt, soll man sich ganz plötzlich selbst managen und seine Kohle selbst ranschaffen. Geht man studieren, dann kann man das Problem vertagen, aber irgendwann holt es einen ein. Es folgt ein Anpassungsprozess, in dem sich drei Hauptgruppen bilden. Die erste und wohl kleinste hat keine Lust auf Arbeit und tut es auch nicht. Die bescheiden sich mit dem, was sie vom Staat als Stütze erhalten und erkaufen sich ihr müheloses Dasein mit gesellschaftlicher Ächtung. Eine zweite Gruppe findet eine produktive Existenz großartig und sucht sich in ihrer Arbeit selbst zu finden und zu verwirklichen. Das sind die Vorbilder, mit deren Anblick die weitaus größte Gruppe malträtiert wird, nämlich jene, die auch keine Lust auf ihre Arbeit haben, sie aber trotzdem tun. Hier spricht die Arbeitszufriedenheit Bände, zwei Drittel der Arbeitnehmer sind bei uns mit ihrer Arbeit unzufrieden, fast ein Drittel würde lieber heute als morgen den Job wechseln.
Ich behaupte nun, dass das eine Einstellungsfrage ist und dass es ganz anders aussähe, wenn im Kindesalter die Notwendigkeit der Arbeit als Grundlage der Überlebenssicherung verankert werden würde. Das soll kein Plädoyer für Kinderarbeit sein, sondern mir geht es um die Zufriedenheit, die man aus der Beschäftigung zieht und das ist als Frage der persönlichen Wahrnehmung konditionierbar. Hier sehe ich eine erzieherische Lücke. In China war vor kurzem der Hunger noch an der Tagesordnung und das hat eine Mentalität geprägt, durch die sich die Leute heute den Buckel krumm schuften und trotzdem zufrieden sind, weil sie ein Gefühl des persönlichen Fortschritts erleben. Bei uns verdient man teilweise schon in jungen Jahren unanständig viel Geld und wird darüber trotzdem nicht glücklich. Vielleicht liegt es nicht an der Bezahlung der Arbeit sondern an der Bedeutung, die man der Arbeit zuordnet.
6. August 2008, 11:53 von Andreas Jahn Kommentare
Vorschlag zur sinnvollen Zeitverschwendung
Sollte jemand von euch Langeweile und einen Netzanschluss haben, dann möchte ich der/mjenigen die zwei Videos von Randy Pausch ans Herz legen. Dieser war IT-Professor an einer US-Uni und ist vor ein paar Tagen am Krebs gestorben. Diese Aussicht und eine sehr positive Lebenseinstellung bewogen ihn dazu, Vorlesungen zu halten, von denen zwei im Netz gelandet sind. Die Erste behandelt die Grundlagen einer guten Lebensführung, wenn auch mit viel technischem Schnickschnack seiner Uni gefüllt, die Zweite das Thema Zeitmanagement. Ich will den Hype nicht befürworten, den diese Vorlesungen als Medienecho hervorgerufen haben (“Millionen wurden inspiriert..“), aber ein paar gute Gedanken waren schon dabei. Im Übrigen finde ich den zweiten praxisnäher und vielleicht zum Einstieg geeigneter. Viel Spass.
31. Juli 2008, 15:04 von Andreas Jahn Kommentare
Anti *tainment
Derzeit lese ich ein Buch, dass mir sehr zu denken gibt. Da schildert ein französischer Philosoph die negativen Folgen der Medienlandschaft auf den sich selbst für mündig haltenden Menschen, seine kognitiven Fähigkeiten und vor allem seinen Nachwuchs, der mit Teletubbies und Zielgruppen-TV schon als Kleinkind zum Soziopathen mit ADS deformiert wird. Natürlich wird von ihm landes- und standestypisch das Ende des Abendlandes antizipiert und ein Hohelied auf die Aufklärung Kant’scher Prägung gesungen.
Aber trotz der Akademiker-Polemik erschreckt mich der Gegensatz den er aufzeichnet (meine Lesart): heute gilt man schon als gebildet und elitär, wenn man viele Bücher konsumiert hat und deren Inhalt adäquat nachplappern kann, während der überwiegende Teil der Gesellschaft die Einäugigen unter den Blinden noch als Streber verhöhnt. Vor zweihundert Jahren noch galt das Buch als Werkzeug der Bewusstseinsentwicklung und jene, die dieser Entwicklungsaufforderung nicht folgten als, als geistig träge, Wissenszitation ohne kritischem Diskurs mit Gleichinteressierten war ein Akt der übertünchten Faulheit. Der wirkliche Intellektuelle publizierte immer und überall, tauschte die Ideen und Ansichten in regen Briefwechseln aus und füllte die Gesellschaft aus Verantwortungsgefühl ihr gegenüber mit seiner Präsenz als moralische/ideologische Instanz.
Gut, das ist alles weit weg, hochgradig idealisiert und technisch überholt. Ich will auch gar nicht rumjammern, wie schlimm heute alles sei, denn das ist es gar nicht, trotzdem möchte ich mit Bezug auf die Überschrift auf die Bedeutung einer kommerzgetriebenen Funktionalisierung von Inhaltsvermittlungen eingehen.
Der heutige Mensch, und da beziehe ich mich ausdrücklich als Beispiel mit ein, wird auf vielfältige Weise durch medial vermittelte Inhalte zugedröhnt. Die in ihrer prätentiösen Form offensichtlichsten Spielarten sind politische Propaganda und profane Unterhaltung. Während jedoch Propaganda bei uns reichlich verpönt ist, genießt das Entertainment das saubere Image des Entspannungsgehilfen für die hart arbeitende Bevölkerung. Wer tagsüber malocht kann auch abends mal in andere Welten abtauchen und sich einen Film reinziehen. Dabei wird gern bagatellisiert, dass sich die Branche in ihrem medialen und Alters – Spektrum extrem ausgebreitet hat und in der digitalen Welt allgegenwärtig ist. Früher gab’s Zeitschriften, die man schnell ausgelesen hatte, Radio, welches nach zwei Stunden auf den Keks geht, und eine Hand voll Fernsehsender. Heute hat sich die Senderzahl verzehnfacht, es gibt auf Endlosigkeit konzipierte Computerspiele und eine unbegrenzte Mediathek namens Internet. Hat man den richtigen Netzanschluss kann man sich den ganzen Tag mit Youtube-Videos berieseln oder Warcraft-Orcs erschlagen. Ziel und Zweck dieses Überangebots an Entertainment ist schlicht das Gewinnstreben der Entertainer und Anbieter von Plattformen zur Werbungsplatzierung. Dafür wird in Kauf genommen, dass die gesamte nachwachsende Generation ein dauerhaftes mediales Branding erhält. Das klingt vielleicht übertrieben und alarmistisch, aber die Zahlen sprechen für sich. Zwei Drittel der Kinder in den USA haben spätestens bis zum dritten Geburtstag einen Fernseher in ihrem Zimmer. In den Unterschichten Großbritanniens sollen es bis zu 75% sein. Das ist doch Wahnsinn.
Hier geht’s nicht um mögliche Inhalte des Fernsehens sondern um die prägende Wirkung auf die Hirnstrukturen. Man stelle sich vor, ein Kind würde nicht durchschnittlich vier Stunden täglich vorm Fernseher sitzen sondern eine oder mehrere Sprachen lernen. Täglich. Über viele Jahre. Da bekommt man umgekehrt eine Vorstellung, welche Potentiale in den Köpfen durch das Anti-Training nicht nur verkümmern sondern direkt zerstört werden.
Ich selbst habe als schon in den Siebzigern geborenes Kind meine Probleme, mich der medialen Bannkraft zu entziehen. Neben der Glotze locken mich noch immer Computerspiele, denen ich Tage opfern könnte und auch opfere, und bei jedem flackernden Bildschirm falle ich ins Wachkoma. Das ist konditioniert, das geht direkt ins Lustzentrum, das geht so weit, dass es in direkter Konkurrenz zu meiner Selbstbestimmung als bewusstes Individuum steht und ich ihm manchmal einfach erliege. Was soll dann erst aus den Kindern werden, die in eine perfekte Unterhaltungslandschaft hineingeboren werden und die mit sechs Jahren schon so durchgedröhnt sind, dass die Lehrer als real existierende, vor ihnen stehende, erwachsene Machtsymbole nicht mehr genug Bannkraft besitzen, im ihre Reizschwelle zu überwinden, so dass sie als ADS-Kinder mit Beruhigungsmitteln zumediziert werden müssen?
Neben dem scheinbar noch klar erkennbaren Entertainment – Auswüchsen haben sich Ableger etabliert, die genau das selbe betreiben, aber auf anderen Spielwiesen. Dazu zähle ich das Infotainment, dass nicht von der Verantwortung der Informationsvermittlung lebt, sondern von Einschaltquoten und monatlichen Klickzahlen. Egal ob Nachrichten auf den Privatsendern oder Newsportale im Internet, das einzige was zählt, ist die Attraktion auf den Konsumenten, die Fähigkeit ihn durch die Emotionalisierung von Informationen zu fesseln. Ein anderes Feld wäre die direkte Ansprache niederer Triebe, von spaßigen Medienkritikern auch süffisant Tittitainment genannt. Gleichermaßen wird man dazu angehalten, sich auf Plattformen für soziale Netzwerke wie Studivz rumzutreiben. Auch hier gilt es wieder, Spaß zu haben und sich damit dem Kommerzialisierungskonzept eines Seiten-Anbieters preiszugeben. Blogs sind da auch nicht groß anders. Ich opfere Zeit und beglücke mich mit der Illusion, dass es jemanden interessiert, was ich schreibe. Will man es noch positiv sehen, so könne man wenigstens dem aufklärerischen Diskursideal folgend auf den freien Gedankenaustausch zwischen den Teilnehmern verweisen, aber ich habe Zweifel, dass überhaupt jemand diesen Text bis hierher gelesen hat. Lange Texte versprechen keine Befriedigung des Lustzentrums. Am Besten, man schreibt kurz und witzig. Um noch ein Paradoxon reinzuschieben, ihr, die ihr diesen Text nicht gelesen habt, weil er euch zu lang ist, seid genau die Medienopfer, um die ich mich sorge.
Nun ist vielleicht ein guter Zeitpunkt, die anprangernde Aufzählung zu beenden und ein Fazit loszuwerden. Meines lautet so: wir leben in einer Welt verlockender Unterhaltungsangebote, die selbst dort lauern, wo man sie nicht vermutet. Man wird ihnen schon frühzeitig gefügig gemacht und nach ausreichendem Konsum in eine fatale Abhängigkeit gebracht. Über die sozialen Implikationen möchte ich jetzt nicht auch noch referieren, aber Arbeit hat oft ein geringes Spaßlevel. Sicher, manche sprechen stärker darauf an als andere. Auch die Folgen sind bei jedem Menschen verschieden. Aber selbst wenn man den negativen Ton bei der Betrachtung des Unterhaltungskonsums weglässt, so bleibt schon die schiere Zeit, die vergeudet wird, ein Drama. Als die Gewerkschaften vor Jahrzehnten die Senkung der Arbeitszeit auf heutige Niveaus erkämpften, um den Menschen die Entwicklung ihrer Fähigkeiten zu ermöglichen, hatten sie bestimmt nicht im Sinn, dass man die Freizeit vor der Glotze oder im Endlos-Chat verplempert.
17. Juli 2008, 15:12 von Andreas Jahn Kommentare [3]